Text von Laura Fricke



Ich will wieder Kind sein.
Will die Welt ohne Probleme sehen und an Mamas Hand durch die Straßen gehen.

Ich will wieder frei sein.
Will oben ohne schwimmen gehen und im Karussell meine Runden drehen.

Ich will heimlich verbotene Filme sehen, will nicht merken wie die Zeit vergeht, meine Zähne unter das Kopfkissen legen und warten, dass der Osterhase ganz diskret nachts durch unsere Wohnung geht.
Woher soll ich wissen was ich will, wenn ich nicht weiß wer ich bin?

Hast du schon einmal drüber nachgedacht, was du aus deinem Leben machst?

Ausziehen, studieren, mich verlieben, Bauvertrag unterschrieben, Heiraten, Kinder kriegen, wickeln, stillen, wiegen.

Ich weiß doch nur, dass ich wieder Kind sein will.

Ich weiß nicht wer ich bin und was ich will.
Und dann kommt da einer.
Nimmt mich an die Hand und zeigt mir die schönsten Orte dieser Welt.
Er lässt mich lachen soviel ich atme und zeigt mir das Leben in all seinen Facetten.
Und er zeigt mir auch wie furchtbar anstrengend das Erwachsenwerden ist.
Und er zeigt mir, dass ich mich irgendwann irgendwo verlier.

Und vielleicht ist es genau das, was ich brauche.
Vielleicht muss ich mich erst verlieren, um mich zu finden.
Weniger reden, um mehr zu denken.
Vor mir wegrennen, um mich vom Kind sein zu trennen.

Und so versuche ich mich zu verlieren. Ich laufe nächtelang durch Clubs und Bars, feier, denn das Leben macht Spaß.
Aber verloren hab ich mich nicht, vielleicht meinen Verstand an sich. Zumindest fällt mir das Reden schwer. Ich fühle mich unheimlich leer, versuche nicht drüber nachzudenken, will wegrennen, um mich vom Kind sein zu trennen.

Ich will wegrennen, doch kann nicht los lassen.
Ich habe Angst Fehler zu machen.
Dann wird mir klar, dass heute für immer ist.
Dass jetzt die Zeit gekommen ist zu machen was ich jetzt gerade will, nicht was ich glaube wollen zu müssen.

Ich will feiern, abgehen, durchdrehen, alte Freunde wiedersehen, das Leben verstehen und mir eingestehen, dass es okay ist auch mal Fehler zu begehen.

Ich will im Gedankensturm den Frühlingswind spüren.
Ich will mich vor Liebesschmerz im Gefühlschaos verlieren.
Ich will Lebensluft schnuppern und mein Leben riskieren.
Ich will da sein, wenn du mich brauchst und an deinem Dasein appellieren.

Ich will Neues sehen, fühlen und erleben.
Ich will im Höhenflug fliegen und auf Wolke sieben schweben.
Ich will nicht mehr so viel denken, sondern glücklich sein.
Ich will selbst im Novemberregen einem Glücksschmetterling begegnen.

Jetzt weiß ich, dass heute für immer ist.
Ich weiß, dass ich mich finde, wenn ich mich verlier.
Ich renne nicht mehr davon, sondern bleibe bei mir.

Ich habe euch gesagt, dass ich noch nicht erwachsen werden will und so fragt niemand mehr was ich will.
Ich habe also alle Zeit für Veränderung.

Denn auch Erwachsenwerden muss nicht heißen, dass ich nicht doch im Herzen ein Kind bleiben kann.

Laura Fricke, 2015